Meditation und Talorgasmus

M

Wenn der Begriff Meditation im «Duden» mit so unterschiedlichen Stichwörter wie Nachdenken, sinnende Betrachtung und religiöse Versenkung umschrieben wird, so enthält das Wort offensichtlich verschiedene Bedeutungsaspekte. Insbesondere ist Nachdenken aus östlicher Sicht genau das, was Meditation nicht ist, nämlich eine Angelegenheit des Denkens, des Sich-mit-Gedanken-Beschäftigens.

Da wir als in der westlichen Kultur Aufgewachsene kaum fähig sind, uns Meditation im Sinne östlicher Traditionen vorzustellen, geschweige denn zu erfahren, zeigt sich – im Versuch, Meditation zu erklären – ein grundsätzliches Problem.

Ich werde deshalb zuerst die vertrautere Form der religiösen Versenkung sowie einen damit verwandten Willensakt ansprechen, die Kontemplation und die Willenskontrolle.

Mentaltraining braucht viel Energie

Durch eine bewusste Willensanstrengung im Rahmen von Praktiken/Übungen wie der kontemplativen Konzentration auf ein eng umschriebenes Thema oder im Sinne des auf ein sportliches Ziel ausgerichteten Mentaltrainings, gelingt es mehr oder weniger erfolgreich, die körperlich-psychische Energie gezielt auf einen gewünschten Bereich zu beschränken und damit deren Wirkung zu maximieren.

Die dafür notwendige Willenskraft setzt allerdings ihrerseits intensive psychische Energie voraus, mit der «natürliche Ausgleichssysteme» im Schach gehalten werden. Häufig wird es dabei notwendig, zunehmend psychische Energie für den Widerstand gegen die spontan sich ergebende Erregungsliebe oder für deren Sublimierung für den Prozess des Nicht-für-wahr-haben-Wollens, einzusetzen.

Dies gilt weniger für sportliche Ziele – weil dort mit dem körperlichen Ausdruck immer wieder Energien freigesetzt werden – sondern vor allem im inneren Kampf gegen negative oder gar als böse gewertete Vorstellungen und Wünsche. Trotz verbissenem Widerstand wird damit die Gefahr eines Versagens immer grösser: Wie einfach ist es für den «inneren Versucher», sich in nächtlichen Träumen in Erinnerung zu rufen!

Durch gnadenlose Selbstgeisselung haben Unentwegte immer wieder versucht, die ungerufenen Schattengestalten los zu werden. 

Meditation im Sinne östlicher Traditionen 

Was geschieht in Meditation?

Das Eintauchen in die Tiefen der Meditation bedeutet für den östlichen Sucher die Begegnung mit der «existentiellen Wahrheit», mit Gott.

 «Das einzige was eine totale Transformation in dein Leben bringen kann, ist, dir der Wahrheit, des Taos der Existenz, bewusst zu werden. Und der Weg geht nicht über die Aussenseite, der Weg geht durch dich hindurch: Es ist eine innere Reise.

Zuerst musst du dein eigenes Zentrum finden. In dem Moment, in dem du dein eigenes Zentrum gefunden hast, hast du das Zentrum der Existenz gefunden, denn das ist nicht zweierlei. Wir sind nur an der Peripherie voneinander verschieden, in unserem Zentrum treffen wir uns und verschmelzen alle miteinander.

Im Zentrum sind wir eins:
die Bäume, die Berge, die Menschen, die Tiere, die Sterne.

In dem Moment, in dem du in dein eigenes Zentrum eindringst, erfährst du das Tao all dessen, was ist. Und wenn du das Tao, die Natur, das Dharma einmal kennengelernt hast, kannst du nicht mehr dagegen angehen. Das wäre glatter Selbstmord. Aber wenn man es nicht kennt, wird man natürlich stolpern, wird man natürlich in die Irre gehen.

«Meditation ist ein Weg, um dein Zentrum zu finden.
Das Wesentliche ist Meditation.
Wenn du Meditation lernen kannst,
hast du alles gelernt.» 

Meditation zu lernen ist, gerade weil es nicht im Kontext des Denkens respektive der Gedächtnisspeicherung möglich ist, für uns zumindest ungewohnt, wenn nicht sogar sehr schwierig. Im Grunde genommen ist es allerdings äusserst einfach:
Es geht darum, nicht zu verdrängen, nicht zu kontrollieren, sich nicht mit den Inhalten, die auftauchen, zu identifizieren, und keine Programme zu haben.

Einfach das ansehen, wahrnehmen, was ist (ohne die Sinneswahrnehmungen oder auftauchende Gedanken zu kommentieren, zu werten). Im Endeffekt ist dies nicht nur eine Übung sondern eine Lebensform, die östliche Sucher über die Praktiken von ZAZEN (im buddhistischen Zen) oder VIPASSANA (der hinduistischen Tradition) in lebenslanger Bemühung erstreben. 

In der konkreten Meditationserfahrung bedeutet das, dass ich mich, wie ein unvoreingenommener Beobachter verhalte: Ich habe keine vorgefasste Meinung darüber, was gut oder was schlecht ist, respektive darüber, was ich zulassen will und was nicht. Entscheidend sind zwei Qualitäten, die den guten Zeugen ausmachen: Geduld und Spass, gemeint ist die Fähigkeit, mit spielerischer Gelassenheit mit einer Aufgabe umgehen zu können.

Durch diese «lockere» Einstellung vermeide ich den frustrierenden und energieaufwendigen Kampf zwischen gegensätzlichen Kräften, die versuchen, in meinem Inneren die Übermacht zu erringen. Im ruhigen «Wahrnehmen dessen, was ist», im unbeteiligten Hinschauen, werden bisher verdrängte Wünsche und Begierden immer deutlicher. 

Sexualität als Meditationserfahrung

Vertreter der «linkshändigen tantrischen Philosophie» integrieren die sexuelle Vereinigung in ihre Meditationserfahrung. Sie halten auch in Momenten der sexuellen Ekstase die Verbindung zum Bewusstsein aufrecht, ein Absacken in bewusstloses Triebverhalten wird dadurch verhindert. Gleichzeitig lässt sie diese Meditationstechnik nie den Bezug zur körperlichen «Natur», mit der wir durch unzählige Bande verbunden sind, vergessen. Sie bleiben auf dem Boden, heben nicht in virtuelle Ersatzwelten ab; der unmittelbare Bezug zum Körper hält sie in direktem Kontakt zur realen Umwelt.

Der Talorgasmus als menschliche Grenzerfahrung

Beim reinen Wahrnehmen dessen, «was ist», verliert sich das übliche «Besessensein von den Sexualorganen». Als Beobachter nehmen wir einfach wahr, «was geschieht», wir lassen die Geschlechtsteile gewähren, «ihre Sache machen» und lassen uns überraschen von der Vielfalt und der Glückseligkeit der Erfahrung. 

Wenn es mir – nicht durch Abwertung oder im Versuch, das Unerwünschte zu verdrängen – durch blosses Standhalten in der Beobachtung gelingt, einen Abstand zu den auftauchenden Phantasien aufrechtzuerhalten, wenn ich also nicht gleich «darauf abfahre» und die sich zunehmend aufladende Energie bewahren kann, indem ich mich, im Sinne zunehmender Liebesintensität immer weiter öffne, gelange ich plötzlich zur Einsicht, dass ich weder die Gedankenvorstellungen noch der Körper bin, die nach muskulärer Entspannung drängen. 

Im Kontext der Energie geht es darum, die primäre Erregungslust-Energie nicht durch im Gegensinn eingesetzte Willensenergie zu neutralisieren. In der Grundhaltung des bewussten Primärselbst, die sich weder mit dem Verstand noch mit dem Körper identifiziert, nehme ich die sich aufladende Energie wahr, lasse sie gleichsam in mir ausbreiten, so dass jede einzelne Körperzelle in erhöhte energetische Schwingung gerät.

Der Energieüberschuss, der jetzt nicht mehr als hochexplosive dynamische Energie nach sofortiger Entladung drängt, sondern der in potentielle Energie transformiert wurde, führt zu ekstatischen Glücksgefühlen, die den ganzen Körper erfassen.

Faktisch kommt es zur Umkehrung des ursprünglichen Erregungsablaufs: Die Erregungsliebe kehrt, jetzt allerdings auf einem höheren Energieniveau, zur ruhigen Form der Seinsliebe zurück. Falls die sich aufstauende Energie zu gross für «mein aktuell zur Verfügung stehendes Gefäss» ist, steht jederzeit die Entladung über den Bewegungs- oder den Sexualkanal oder beide zusammen offen. 

Voraussetzungen für meditative Sexualität

Vielleicht die wichtigste Voraussetzung, die gewährleistet sein sollte und die immer schwieriger zu erfüllen ist, liegt im Vorhandensein von genügend Zeit – im Grunde genommen von unbeschränkter Zeit, ohne Hast und Leistungsdruck. 

Die von den indischen Tantra-Schulen und den chinesischen Tao-Praktikern entwickelten Techniken orientieren sich nach drei Gesichtspunkten: 

  • Über das Kontrollieren resp. Deprogrammieren alter, biologischer Verhaltensmuster soll möglichst viel Vitalenergie angereichert werden. 
  • Über die Spontaneität in der Alltags- und Liebeserfahrung wird eine zunehmende Öffnung im Sinne der Seinsliebequalität angestrebt.
  • Letztlich geht es in erster Linie darum, die Bewusstwerdung zu intensivieren, indem das wahrgenommen wird, was ist, ohne vorgefasste Meinungen und Ideologien. 

Es mag erstaunen, dass die ersten beiden dieser «Ziele» sich nicht ausschliessen. Kontrolle und Spontaneität erscheinen uns als unvereinbare Gegensätze. Doch die Integration ist tatsächlich möglich; den Schlüssel dazu liefert das dritte «Ziel», die Bewusstheit, die den ganzen Prozess begleitet. 

Durch die Verlagerung der Sexualenergie von der hochfrequenten, aber äusserst schnell verausgabten Energieform der Erregungs(«Reibungs»-)Lust zum «kühleren» und ausserordentlich befriedigenden, auch von älteren Männern über längere Zeit aufrecht erhaltbaren Talorgasmus der Seinsliebe, erhält die Sexualität eine spirituelle Dimension. 

Meditation im Rahmen des Talorgasmus

Auf Grund dieser vielfältigen Voraussetzungen ist es selbstverständlich, dass ein Talorgasmus nur dank intensiver Meditationserfahrung möglich ist. Dies ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die Erfahrung des Talorgasmus im Grunde genommen einem intensivierten Seinsliebezustand entspricht, der, falls bewusst erlebt, definitionsgemäss mit «Meditation» identisch ist.

Wird die Erfahrung in der Paarbegegnung wiederholt, so ist ein Erfolg ohne meditative Gestimmtheit erst recht undenkbar.

In der Sexualität Seinsliebe erfahren

Nur so wird es möglich, die Vereinigung im Zustand der Seinsliebe, d. h. ohne Erregung im üblichen, stark mit Phantasievorstellungen verknüpften Sinn zu erfahren. Im meditativen Gegenwartsbezug erlebe ich das, was gerade ist, in einer neuen, noch unbekannten Intensität. Im ruhigen, gedämpften Zustand ist ein «Durchbrennen» besser vermeidbar. 

Die Meditationserfahrung ist erst recht notwendig, wenn die Liebenden versuchen, den Talorgasmus als Teil der Erregungsliebe zu erfahren. Wenn beide Partner in zunehmendem Mass intensivere Becken- und Körperbewegungen zulassen, ist das Gefäss, welches die dabei frei werdenden Energien auffangen und bewahren soll, im «Normalfall» viel zu klein; die generierte Energie muss sich in der Ejakulation entladen. 

Menschen ohne Meditationserfahrung sind durch den Anspruch, diese beiden gegensinnigen Qualitäten (sympathisch und parasympathisch) gleichzeitig zuzulassen, respektive anfänglich zu erzwingen, völlig überfordert.

Gerade weil sich in unserer Kultur auch die Frauen an harten «Reibungssex» (RICHARDSON) gewöhnt haben, fällt es ihnen nicht leicht, sich insbesondere vaginal so zu öffnen, dass sich der Penis nicht als abgewiesener Eindringling empfindet. Sonst nimmt die Widerstandsspirale des Geschlechterkampfes ihren Anfang; Druck erzeugt Gegendruck, der Mann «muss sich beweisen», die «Festung will bezwungen werden» und was derlei Redensarten sind.

Da der Intensivierung der Liebeserfahrung über die Verstärkung der Erregungslust auch im Kontext des Talorgasmus Grenzen gesetzt sind, verlagert sich das Gewicht auf die Seite der Seinsliebe im Sinne gegenseitiger Hingabe und Offenheit.

DIANA RICHARDSON zeigt mit ihren «LOVE KEYS» (Augen, Atem, Kommunikation, genitales Bewusstsein, Berührung, Entspannung, sanfte Penetration, tiefe Penetration und Rotating Positions) verschiedene Schlüsselbereiche auf, über die meditative tantrische Bewusstheit «geübt» werden kann.

Üben heisst vor allem zuerst Selbsterfahrung, ohne dass dabei die Ansprüche eines Partners oder einer Partnerin den Leistungsdruck erhöhen.

BERNIE ZILBERGELD, JOLAN CHANG, MARGO ANAND und MANTAK CHIA geben in ihren Büchern weitere praktische Anweisungen. Generell machen diese «Anleitungen» aber, wie bei jeder Kunst, nicht das Eigentliche aus.

Das Eigentliche kann nur durch meditatives Erleben in geduldigem, nicht zielgerichtetem Sein erreicht werden.

Chemische und physiologische Wirkungen eines Talorgasmus

Beim Talorgasmus findet zusätzlich zu den physiologischen Veränderungen die für den Grundzustand der Seinsliebe typisch sind, mit grosser Wahrscheinlichkeit eine erhöhte Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin statt; sowohl zeitlich als auch in Bezug auf die Art und Menge der ausgeschütteten Substanzen besteht ein Unterschied gegenüber dem «normalen Orgasmus»:
Für die mit der Physiologie des Orgasmus Vertrauten zeigt sich eine Parallele zu den sympathischen resp. parasympathischen Stimulierungen. Beide sind Voraussetzung für einen natürlichen Ablauf des Orgasmus.

Dabei scheint sich klar eine zunehmende Verlagerung des Gewichtes von der aktiv sympathischen zur passiv parasympathischen Stimmungslage zu vollziehen, ähnlich wie sie sich physiologisch im Verlauf des Alterungsprozesses einstellt. Grob vereinfachend könnte man rein physiologisch gesehen von «Oxytoxin-Sex» im Unterschied zum üblichen «Dopamin-Sex» sprechen. 

Der Minuten bis Stunden anhaltende narkoseähnliche Zustand tiefster glücklich-zufriedener Ruhe, in dem «niemand da ist» um kognitive Sachfragen zu bearbeiten, geht häufig nach einiger Zeit in einen tiefen, äusserst erholsamen Schlaf über, aus dem heraus neue «Talorgasmus-Phasen» hervorgehen können.

Die dunklen Wolken von Sexualphantasien

Sexualphantasien sind im Kontext der Meditation gesehen weder gut noch böse; auch sie sind etwas «das ist». Doch gleichzeitig sind sie «die einzige Sünde», nämlich ein Wegdriften aus dem Hier und Jetzt. Sie unterbrechen den Energiefluss und verhindern als Gedanken oder Bilder – die das gegenwärtige Bewusstsein als dunkle Wolken überschatten – die Wahrnehmung des «Lichtes», der subtil nährenden Energie. 

Grundsätzlich gesehen führt jede Form von Phantasie zu sekundärem Erregungssex, ein Vorgang, der nicht nur von der Seinsliebe wegführt, sondern diese zunehmend ausblendet.

Dr. Kurt Eugen Schneider
Dr. Kurt Eugen Schneider

Stichworte

Themen