Seinsliebe – 13 Eigenschaften

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Wesentliche Qualitäten
der Seinsliebe

Die hier aufgelisteten Qualitäten entsprechen nicht wissenschaftlichen Kriterien. Für Menschen, die in der westlichen Zivilisation leben, sind sie eher ungewohnt. Einige mögen absurd erscheinen, weil sie unvorstellbar oder nach unserem Dafürhalten infantil sind und nicht mit den Kriterien, wie sie für gebildete westliche Erwachsene gelten, zu vereinbaren sind.

Was soll Kritiklosigkeit oder Offenheit in unserer harten Konkurrenzwelt?

Raum- und Zeitlosigkeit mögen in unseren Träumen vorkommen, aber gewiss nicht im Alltag bei klarem Verstand, wenn wir planend und sorgend unsere Zukunft zu sichern versuchen.

Und doch scheinen diese Eigenschaften nicht nur möglich, sondern für das Erleben des tiefsten menschlichen Glückes absolut notwendig zu sein. 

Nicht vollständige, ungeordnete Reihenfolge

Die Reihenfolge der angeführten Qualitäten entspricht nicht einer hierarchischen Abfolge, die Liste beansprucht auch keine Vollständigkeit. Allerdings verdeutlichen einzelne Eigenschaften durch ihre Anschaulichkeit die Seinsliebe mehr als andere. So ist «Offenheit», sowohl im Sinne des Sich-gegenüber-der-Welt-Öffnen als auch des Sich-unseren-Mitmenschen-gegenüber-Öffnen eine gut einfühlbare und von den meisten Menschen persönlich gemachte Erfahrung. Diese Eigenschaft der Seinsliebe betrachte ich deshalb als zentralen Faktor zur Bestimmung der Intensität der Liebeserfahrung. 

Einige Kriterien der Seinsliebe entsprechen Erfahrungen aus der neueren Säuglingsforschung, ich postuliere sie deshalb als Zustand des noch nicht sozialisierten Säuglings. Die Aufzählung berücksichtigt aber nicht nur den Zustand des unbewusst im Primärselbst sich befindenden Säuglings.

Einzelne der angeführten Qualitäten sind der bewussten Seinsliebe zuzuordnen,  sie entsprechen Erfahrungen auf der vierten Ebene der Zen-Realität. Dabei führen nicht nur östliche, sondern auch westliche religiöse und psychologische «Techniken» zu den aufgeführten Erfahrungen.

Auch bestimmte Drogen, die in früheren Kulturen kontrolliert in religiöse Riten einbezogen waren und in gewissen Psychotherapien unter strengen Kriterien angewendet werden, führen, wie ich im Zusammenhang mit der Physiologie der Seinsliebe aufzeige, zum Erleben der Seinsliebe.

Heute finden entsprechende psychoaktive Substanzen aber vor allem als Suchtmittel missbräuchliche Verwendung.

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SEINSLIEBE BEDINGT OFFENHEIT

Mit Offenheit ist hier die psychische Öffnung gegenüber den Mitmenschen und «der ganzen Welt» gemeint: Wir nehmen wahr, was ist, und versuchen nicht, über kognitive Kontrollmechanismen – vorgefasste Meinungen – das Wahrgenommene zu manipulieren. 

THORWALD DETHLEFSEN schreibt, dass sich jede Form der Liebe auf den Akt des Hereinlassens reduzieren lässt: «In der Liebe öffnet der Mensch seine Grenzen und lässt etwas herein, was bisher ausserhalb dieser Grenze war…. Überall, wo wir Grenzen setzen, lieben wir nicht – überall wo wir hereinlassen, lieben wir.»

Seinsliebe: Offen für ein Treffen mit Göttlichkeit

OSHO sagt in bezug auf die Öffnung für die Gotteserfahrung:
«In dem Moment, in dem du offen bist, geschieht das Treffen sofort. Göttlichkeit ist immer offen, das Problem liegt bei uns, wir sind verschlossen. Die Sonne ist aufgegangen, aber wir sitzen mit geschlossenen Augen da – was kann die arme Sonne da machen? Ihr Licht leuchtet, aber wir leben in Dunkelheit. Und es ist so einfach, die Augen zu öffnen.

Und im gleichen Moment, wo du die Augen öffnest, verschwindet die Dunkelheit. Das Gleiche trifft auf die innere Welt zu. Göttlichkeit ist immer präsent, offen, verfügbar, bereit dich mit Liebe, mit Freude zu erfüllen, bereit, dich zu segnen. Aber wir sind verschlossen, wir sind nicht bereit zu empfangen. Wir leben in einer geschlossenen Zelle ohne Fenster, ohne Türen. Wir glauben, das wäre sicher und geborgen. Es ist weder Sicherheit noch Geborgenheit, es ist Tod. Es ist ein Leben im Grab.

Aber wenn du dich einmal öffnest, dann ist die Freude dieses Öffnens so gross, dass du im Vergleich dazu sehen kannst, dass du in einer dunklen Zelle gelebt hast. Jetzt gehört dir der ganze Himmel, alle Sterne sind dein, und alle Mysterien sind dein.»

Die große Verletzlichkeit in der Seinsliebe

Im liebevoll-offenen Zustand sind wir verletzbar. Die meisten Menschen lassen sich daher «instinktiv» nur im Schutz einer vertrauensvollen Intimität (oder indem sie sich unter Alkohol- und Drogeneinfluss der bewussten Verantwortung entziehen) darauf ein.

Je bewusster ein Mensch ist, desto mehr kann er/sie diesen Zustand auch im Alltag unbeschadet verwirklichen. Im «Volkswissen» ist bekannt, dass sich in der – unbewussten – extremen Offenheit Einflüsse geltend machen können, die im Normalzustand kaum wirksam sind.

Verletzlichkeit im Wochenbett

Das zeigt ein Brauch, der auf einer griechischen Insel noch heute befolgt wird: 

Nach der Geburt eines Kindes ist es den alten Leuten (auch den Grosseltern) untersagt, die Wöchnerin mit ihrem Säugling zu besuchen. Als Grund wird angegeben, dass alte Menschen bei solchen Besuchen die Tendenz hätten, sich über ihre kleinen Gebrechen und Krankheiten auszulassen. Dabei bestehe dann die Gefahr, dass Krankheiten auf die stillende Mutter übertragen würden.

Als unsere Gewährsfrau ihren zweiten Sohn stillte, kam die Schwiegermutter unerwartet, im Widerspruch zu den lokalen Sitten, auf Besuch. Sie klagte über Kopfschmerzen und ging nach einer Weile, «die Kopfschmerzen seien jetzt besser». Kurze Zeit später begann die Wöchnerin unter Kopfschmerzen zu leiden; mehr noch, ihre Brust blieb von diesem Moment an trocken, sie musste mit dem Stillen aufhören.

Es ist wahrscheinlich, dass eine Mutter im Moment des Stillens – wenn sie sich ganz auf ihr Kind einlässt – sich im Zustand der (unbewussten) Seinsliebe befindet. Im Interesse des Säuglings ist sie völlig offen und damit vielen Einflüssen zugänglich, die im Alltagsleben wirkungslos sind. In dieser Offenheit ist die Mutter nicht nur über ihre Resonanz im dritten Leib mit dem Kind verbunden, sondern auch dem weiteren Umfeld gegenüber übermässig empfänglich.

Sinnvoller Selbstschutz bei unbewusster Offenheit

Daraus können wir den Schluss ziehen, dass ein gewisser Grad an Distanziertheit – jedenfalls im Zustand der unbewussten Offenheit – zum Selbstschutz absolut notwendig ist. Schamanistische Heiler bereiten wohl aus diesem Grund sowohl sich selbst als auch die Kranken mit Hilfe ausgedehnter Rituale auf einen Zustand der psychischen Offenheit vor. Dadurch wird Heilung erst möglich.

Offenheit, die die kindliche Seele gefährden kann

Wenn wir uns dem Kind zuwenden, so zeigt sich die zentrale und gleichzeitig auch ausserordentlich gefährliche Konsequenz dieser Offenheit: Aus der unschuldig, in liebender Vertrauensseligkeit alles übernehmenden Grundhaltung heraus entsteht eine ungeheure Beeinflussbarkeit der kindlichen Seele.

BERT HELLINGER spricht von der grossen Aufnahmebereitschaft der unbewussten archaischen Liebe. Diese kritiklose Liebe ist für alles, auch für das «Böse», offen; so werden Kinder, unbewusst verstrickt mit destruktiven Vorfahren, selbst wieder zu destruktiven Menschen. Erst als selbstverantwortliche Erwachsene können sie sich in bewusster Liebe aus dieser familiären Verstrickung lösen, indem sie nicht mehr aus falsch verstandener Liebe heraus ein Schicksal leben und eine Rolle übernehmen, die ihnen nicht zusteht. 

Die Erfahrung des «Dritten Leibes» von Meditierenden und Liebenden

Noch ein weiteres Phänomen zur Offenheit gehört in diesen Zusammenhang. FEDERICO MONTECUCCO hat im EEG eine zunehmende Synchronizität beschrieben, die sich bei zusammen Meditierenden wie auch in der intimen Begegnung von Liebenden einstellt. Es kann angenommen werden, dass zwischen der stillenden Mutter und ihrem Säugling dasselbe Phänomen auftritt, im Idealfall auch zwischen Heiler und Patient. Es ist die Erfahrung des Dritten Leibes.

Immer wenn wir in stiller Versenkung an einem Gottesdienst, einem Gruppenritual oder einer erhebenden Zeremonie teilnehmen, spielt dieses Phänomen mit, desgleichen, wenn wir mit absoluter Hingabe gemeinsam musizieren, im Chor singen, oder wenn wir einfach ergriffen einem Konzert lauschen. 

PETER SCHELLENBAUM schreibt dazu:
«Hingabe ist also weder ‹für mich› noch ‹für dich› bestimmt, sondern beruht auf spürender, differenzierter Wahrnehmung eines komplexen Ganzen, dessen Teil wir sind. Wir erfassen den Dritten Leib ständig in veränderten Gestalten, so wie sich durch jede neue Eigenbewegung eine neue Gesamtperspektive eröffnet.

Letztlich bedeutet der Dritte Leib die ganze Welt, doch stellvertretend für diese taucht für uns in jeder neuen Situation eine sinnfällige, konkrete, vorläufige Gestaltung des Dritten Leibes auf, der unsere Hingabe gilt.»

Und: «Liebe – das tragende Gefühl im Dritten Leib – entsteht durch sorgfältige Verbindung mit dem, was ist.» 

Messbare, harmonische Übertragungsphänomene innerhalb des Dritten Leibes

Dass so ausgeprägt harmonische Übertragungsphänomene nicht nur psychologisch, sondern, wie bereits erwähnt, auch physikalisch im EEG erfassbar sein sollen (MONTECUCCO), eröffnet neue Perspektiven. Auch die Untersuchungen von FRITZ POPP, der das ubiquitäre Vorkommen von kommunikativ wirksamen Lichtenergien (Biophotonen) nachgewiesen hat, könnten solche synchrone Zusammenhänge innerhalb des Dritten Leibes bestätigen, ähnlich der Wirkung von morphogenetischen Feldern nach RUPERT SHELDRAKE.

Insbesondere in den sogenannten primitiven Kulturen finden sich Menschen, die für die Wahrnehmung dieser Energiephänomene (Auren, Halo, Auréole) besonders empfindsam und offen sind. Sie vermögen den Informationsgehalt dieser subtilen Energien zu entschlüsseln und möglicherweise auch zur Kommunikationsübermittlung einzusetzen.

Offenheit ist auch die Qualität, für ungewöhnliche Erfahrungen durchlässig zu werden, das zeigt sich in der Fähigkeit des nichtfokusierenden Schauens; dabei bin ich sowohl nach aussen wie nach innen (bezüglich meiner körperlichen und gedanklichen Wahrnehmung) unfixiert, in freischwebender Aufmerksamkeit. 

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IN DER SEINSLIEBE  IST, WAS IST 

Kritiklosigkeit im Sinne des Nicht-Wertens widerspricht unserem Alltagsdenken. Wir sind gewohnt, ständig zu beurteilen, Entscheidungen zu treffen und alles nach den Massstäben unserer Moral zu bewerten.

Diese Qualität zwingt uns, scheinbar selbstverständliche Vorstellungen zu hinterfragen. Sie eignet sich daher gut als Einstieg in die gelebte Seinsliebe. Es ist schwierig, in unserem Kulturkreis zeitgemässe Beispiele für diesen Zustand zu finden. Menschen, die sich entsprechend verhalten, riskieren, nicht «ernst genommen» und, als debil oder pathologisch eingestuft, in Heimen und Anstalten «versorgt» zu werden. 

1. Beispiel für Kritiklosigkeit in der unschuldigen Seinsliebe

Kolumbus und die Indianer

Kolumbus beschreibt in seinen Tagebüchern eine Begegnung mit den Ureinwohnern von Haiti. Sein wertender Verstand stellte sich erwachsen über die – wie ihm schien – primitiv-naive Kinderwelt der Haitianer:

«Die Indianer sind so naiv und so frei mit ihren Besitztümern, dass keiner es glauben würde, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Wenn man sie um etwas bittet, sagen sie niemals nein, im Gegenteil, sie anerbieten sich, mit jedem zu teilen….

Die Männer sowohl als auch die Frauen wählten ihre Gefährten und Gefährtinnen und verliessen diese, wie es ihnen gefiel, ohne dass Anstoss, Eifersucht oder Ärger entstand.» 

Dass diese Verhaltensweisen noch bei heutigen autochthonen Völkern anzutreffen sind, bezeugen Idealisten wie der engagierte, heute verschollene Bruno Manser, der jahrelang unter Bewohnern des Regenwaldes in Malaysia lebte, aber auch Wissenschafter wie z. B. der Ethno-Pharmakologe RIVIER. 

Im Gegensatz zum vorangehenden Beispiel stammt das nachfolgende aus einer Hochkultur. Es handelt von RAMAKRISHNA, einem indischen Mystiker, der im 19. Jahrhundert lebte und Hindupriester in einem Tempel am Ganges war. Es finden sich zahlreiche Parallelen zwischen seiner Einstellung und derjenigen von RAMANA MAHARSHI, dessen Leben FELIX HELG in seinem Buch «Psychotherapie und Spiritualität» ausführlich beschreibt und in einen psychologischen Zusammenhang stellt: 

2. Beispiel für bewertungsfreie Seinsliebe

Ramakrishna trifft auf seinen Konkurrenten

Einer der grossen Logiker und Philosophen Bengals, KESHAV CHANDRA – er war Atheist – hörte davon, dass Tausende zu RAMAKRISHNA pilgerten. Er forderte diesen heraus:
«Ich werde an einem bestimmten Tag kommen, um gewisse Dinge mit dir zu diskutieren».

Alle Anhänger RAMAKRISHNAs hatten grosse Befürchtungen, denn sie wussten: RAMAKRISHNA weiss nichts und hat auch keine Lehrschrift verfasst. Er denkt sich lediglich Lieder aus, die er in seinem Tempel singt. Er ist ungebildet. Er hat keine Ahnung von Logik und Philosophie. Für ihn geht es nicht um den Verstand. Sie alle hatten also Angst, dass es peinlich werden könnte, denn KESHAV CHANDRA würde ihm in wenigen Sekunden eine Niederlage verpassen.

Und KESHAV CHANDRA kam mit seinen eigenen Schülern. RAMAKRISHNA sprang von seinem Platz unter einem Baum auf, umarmte KESHAV CHANDRA und sagte:
«Ich bin so glücklich, dass du gekommen bist.»
KESHAV CHANDRA antwortete:
«Ich bin gekommen um dich zu widerlegen».

RAMAKRISHNA erwiderte:
«Es spielt keine Rolle, ob du mich widerlegst oder ich dich. Von diesem Moment an wird unsere Liebe bestehen. Fang an, mich zu widerlegen – ich bin bereit.»
KESHAV CHANDRA sagte:
«Anfangen dich zu widerlegen? Erst musst du deine Philosophie darlegen.»
RAMAKRISHNA sagte:
«Ich weiss nichts über Philosophie. Du musst beides erledigen. – Erläutere meine Philosophie und widerlege sie.»

Anstatt RAMAKRISHNA schaute jetzt KESHAV CHANDRA peinlich berührt drein:
«Wo bin ich bloss hingeraten? » Aber irgend etwas musste getan werden, also sagte er:
«Okay, glaubst du an Gott?»
RAMAKRISHNA antwortete:
«Glauben? Ich kenne ihn. Warum sollte ich an ihn glauben? Nur Unwissende glauben.»
Was soll man mit so jemandem anfangen? Einen Glauben kann man kritisieren, aber dieser Mann sagt, dass er Gott kennt! Aber dennoch brachte KESHAV CHANDRA grossartige Argumente gegen Gott vor:
«Es ist eine Halluzination, eine Illusion, nur eine Vorstellung, dass du denkst, du kennst Gott.»

Und jedesmal, wenn er ein gutes Argument vorbrachte, stand RAMAKRISHNA auf und umarmte ihn wieder und sagte:
«Du bist ein schöner Mensch, KESHAV CHANDRA; ich liebe die Art, wie du sprichst, obwohl das nichts ändert. Tatsache ist, deine Intelligenz ist für mich ein Beweis, dass Gott existiert. Denn deine Intelligenz erwächst aus der Existenz. Sie kann nicht von irgendwoher kommen, und alles was ich mit Gott meine, ist, dass das Universum intelligent ist. Ich bin ein armer Kerl, ich bin ungebildet. Ich bin kein Beweis für Gottes Existenz, aber du bist es.»

Und die Autorität, die Authentizität und die Aufrichtigkeit sind es auch. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte KESHAV CHANDRA sich widerlegt, obwohl dieser Mensch ihm kein Argument entgegengesetzt hatte.

Er berührte RAMAKRISHNAs Füsse und sagte:
«Nimm mich als deinen Schüler an. Dich zu sehen, dein Verhalten und deine Freude zu sehen, reicht aus, um mir zu zeigen, dass mich trockene Argumente nicht transformieren werden. Aber du bis ein Mensch, der transformiert wurde. Höchstwahrscheinlich liegst du richtig und ich falsch. Obwohl ich beweisen kann, dass ich recht habe – aber beweisen ist eine Sache, und richtig liegen eine andere. Deine Gegenwart ist das Argument, das zählt.»

Kritiklosigkeit im Sinne von Nicht-Werten

Diese beiden Beispiele veranschaulichen treffend, was mit dem Begriff der Kritiklosigkeit gemeint ist. Es geht um eine Sichtweise, die die zwischenmenschliche Kommunikation so radikal verändert, dass sie für uns Erwachsene kaum einfühlbar ist. 

Zwei modernen Beispielen der nichtwertenden Seinsliebe begegnen wir in den Filmen «Le huitième jour» und «Braking the waves». Der Mongoloide Georges und die unschuldig-schuldige Schottin Bess «sind einfach», in einer totalen Art, wie sie mit unserem Alltag nicht vereinbar ist. Beide zerbrechen als naive Aussenseiter an der harten Wirklichkeit unserer Welt: Beide scheiden mehr oder weniger freiwillig aus ihrem Leben. In beiden Filmskripts profitieren aber die «normalen» Partner von der Beziehung zu diesen ausserordentlichen Menschen: Die Welt ist wieder in Ordnung. 

Die nicht wertende Grundeinstellung der Seinsliebe

Eine nicht wertende Grundeinstellung als Erwachsener ist für eine westlich erzogene Person (insbesondere für einen auf Konkurrenzkampf getrimmten Mann) kaum denkbar. Voraussetzung dazu wäre, dass wir sämtliche, in jahrelanger Disziplin aufgebauten «Verteidigungsdispositive» zur Seite legen könnten und dass wir unserem Gegenüber in ungeschützter Offenheit begegnen würden.

Die Transanktionsanalyse zeigt mit ihrem Modell den Weg, den wir durchzumachen gezwungen sind, falls wir wirklich ohne Kritik mit unseren Mitmenschen umgehen wollen. Dass diese Eigenschaft riskante Kehrseiten mit sich bringt, ist evident. Dabei geht es in der Transaktionsanalyse nicht darum, eine Beziehungsebene, auch nicht die Erwachsenenebene, einseitig zu entwickeln. Vielmehr sollen wir, wenn möglich, über alle diese Kommunikationsformen frei verfügen und sie der Situation gemäss einnehmen können.

Entsprechendes gilt auch für die Kommunikation in der Seinsliebe. Ohne gleichzeitigen Schutz und relativierendes Abwägen der Situation durch den erwachsenen Anteil sind wir auf der Ebene des «seinsmässigen Kindes» auf die Dauer nicht lebensfähig, so wie in den erwähnten Filmen der «unerfahrene» Mongoloide George und die kindliche, von einem vergöttlichten Über-Ich in Beschlag genommene Bess. 

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«NAIVES» STAUNEN IN DER SEINSLIEBE

Die Fähigkeit, naiv-staunend die Welt zu betrachten, ist eine sprichwörtliche Qualität des kleinen Kindes.Überwältigt vom Unfassbaren und Wunderbaren und gleichzeitig angstfrei und in vertrauensseliger Zugehörigkeit begegnet es der Welt.

Diese Erlebensform ist nicht nur die Glückserfahrung des ahnungslosen Kindes, sondern auch des Erwachsenen in Sternstunden der Ergriffenheit. Aber auch Tiere, vor allem Tierkinder, lassen uns, wenn wir sie in Offenheit wahrnehmen können, an ihrem naiven Staunen teilhaben. 

Staunen, das ist die Fähigkeit, «Wunder» zuzulassen und uns von ihnen zutiefst berühren zu lassen, ohne dass wir gleich gezwungen sind, mit dem Verstand eine Erklärung dafür abzugeben und sie damit zu entmystifizieren und in die voraussagbaren Alltagserfahrungen einzuordnen. 

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ZEITLOSIGKEIT ALS GRUNDEIGENSCHAFT DER SEINSLIEBE

In einem apokryphen Zitat sagt Jesus:
«Im Paradies ist Ewigkeit».

In der Seinsliebe hat «Zeit» keine Bedeutung, sie steht still, respektive sie ist «ewig» im Hier und Jetzt, von Moment zu Moment. Alles dauert so lange, wie es braucht, Zeitdruck ist nicht von Bedeutung, unter Zeitdruck können sich wesentliche Eigenschaften der Seinsliebe nicht entfalten.

Der Gegensatz zu unserer Alltagsrealität (unserer Hauptrealität) ist enorm. Dadurch, dass die Gegenwart nicht zu Vergangenem und Zukünftigem in Verbindung gebracht wird, entsteht anstelle des uns gewohnten linearen ein punktuelles Zeitgefühl. Aus der Erfahrung der Hauptrealität gesehen, wirkt dieser «ewige» Zustand wie ein Zeitloch, eine unfassbare Leere.

«Der unhistorische Augenblick , also das Heraustreten aus dem modernen Kontinuum der Zeit, bleibt bei NIETZSCHE wie bei FREUD die Bedingung des Glücks», schreibt BERND NITZSCHKE und fährt fort:
«Der Augenblick, durch den erst das ‹Glück zum Glücke wird›, setzt das ‹Vergessen können› voraus; oder gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.»

«Erinnern wir uns: wovon Nietzsche hier spricht, das ist auch der Sinn des ‹primitiven› Kults, der den ‹unhistorischen Augenblick› rituell ermöglichen soll», und später:
«… das bedeutet Auflösung des Subjekts, Suspendierung der an das eingesperrte Subjekt gebundenen Vernunft.» 

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RAUMLOSIGKEIT UND DURCHLÄSSIGKEIT

Auch hier stossen wir auf das Erleben der Leere, verstanden als ein grenzenloser, offener und durchlässiger, dematerialisierter «Raum». Diese Leere empfinden wir – unter anderem – deshalb als so unheimlich, weil sie mit Nichtdenken verbunden ist. Aus der Alltagssicht gesehen ist diese Erfahrung enorm bedrohlich und kann zu panischen Angstzuständen Anlass geben. 

Der eben zitierte 68er Psychologe NITZSCHKE liefert dazu ein illustratives Beispiel:
Einige seiner revolutionären Mitstreiter haben damals für ihn offensichtlich das vom klaren Verstand zugestandene Mass überschritten; sie haben einen unkonventionellen Weg, den östlichen, zu gehen gewagt.

Das veranlasste NITZSCHKE zur Bemerkung:
«Je grösser die Spanne zwischen Realität und (revolutionärer) Utopie ist, desto stärker wird die Spannung, die auszuhalten, durch eine von der Theorie angeleitete, von der Realität begrenzte Praxis zu gestalten wäre. Wer an dieser Spannung zugrunde geht, ist vielleicht ‹schwach›, er ist aber immer noch stärker als einer, der sich in die Arme des nächstbesten Gurus wirft, um Befreiung im ‹Hier und Jetzt› wahnhaft zu geniessen.»

Zweifellos ist psychische Leere eine unabdingbare Voraussetzung für die echte Gotteserfahrung, die für mich nahe mitder Erfahrung der Seinsliebe verwandt ist. 

Das Leere Herz als Voraussetzung für Seinsliebe

FRANK NAGER weist in seinem Buch darauf hin:
«Das Motiv der Einkehr, der Stille, des Leeren, der Kontemplation als unabdingbare Voraussetzung für die Gottesbegegnung erklingt seit jeher, über alle Zeiten – vom Taoismus bis zum Buddhismus, von den Upanishaden bis zum Koran, von der Bibel bis zur Erfahrung gottergriffener Mystiker aller Zeiten und Gebreiten.» – «Erst das ‹Leere-Herz›, das ‹Ruhe-Herz› wird fähig, zur ‹Wurzel heimzukehren›, sich mit Tao zu vereinigen.»

Diese Leere, dieses Nichts schafft nicht nur den Kontext, die existentielle Fülle zu empfangen. Sie erlaubt uns auch loszulassen was das Leben bisher behindert hat: moralische Gebote und Verbote, Ich-Ideale und Masken und damit auch Charakterpanzerungen und vorgefasste Meinungen (WETZEL). 

Die spirituelle Leere entspricht dem Nicht-denken-Müssen; die rastlose Verstandestätigkeit kommt endlich zur Ruhe, das Bewusstsein – ungetrübt durch Denk- und Erinnerungsprogramme – nimmt wahr, was gerade ist, aussen wie innen. In dieser vollkommenen Stille, diesem absoluten Schweigen vermögen wir das Numinose zu hören, spricht Gott zu uns. Die Hindus bezeichnen diesen höchsten Zustand als anandi, Glückseligkeit. 

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DIE ERFAHRUNG VON FREIHEIT UND UNABHÄNGIGKEIT IM ZUSTAND DER SEINSLIEBE

Nach MICHAEL MOELLER ist die Liebe «ein Kind der Freiheit». Auch OSHO wurde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass echte Liebe nur in Freiheit möglich ist:
«Die Liebe ist ein Vogel, der seine Freiheit liebt. Sie braucht die Weite des Himmels, um zu wachsen. Achte darauf, sie niemals in einen Käfig zu sperren, sie nicht gefangen zu halten, ihr niemals Grenzen und eine Form, eine Gestalt, einen Namen, eine Anschrift, ein Etikett zu geben – niemals. Lass sie ein Duft sein, unsichtbar, und dann kann sie dich auf ihren Flug zum Höchsten mitnehmen.»

Wer sie besitzen will, bringt die Liebe damit um. In einer Atmosphäre einengender Kontrolle kann sie nicht gedeihen. Weil der Versuch, Freiheit und Sicherheit unter einen Hut zu bringen, der Quadratur des Kreises entspricht, scheitern viele Menschen.

Politisch wird in zahllosen Deklarationen die Freiheit thematisiert; sie ist tatsächlich eines der wichtigsten Anliegen der Menschheit. Psychologisch gesehen liegt an der Wurzel dieses Bedürfnisses der Wunsch nach einem Zustand, der sämtliche durch Menschen gesetzte Grenzen sprengt, die Sehnsucht nach der uneingeschränkten Erfahrung der Seinsliebe.

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SPANNUNGSFREIER (EUTONER) KÖRPERZUSTAND IN DER SEINSLIEBE

Im Zustand der Seinsliebe befindet sich der Körper in geruhsamer Aktivität, in der Terminologie des Taoismus im «Nichtstun» des Wu-Wei, ähnlich wie ein Raubtier, das ruht, aber doch in jedem Moment zu blitzschneller Aktion bereit ist.

Dabei ist sowohl die durch unseren Willen bewusst gesteuerte quergestreifte, als auch die nicht unserer Kontrolle unterstehende glatte Muskulatur weder schlaff noch verspannt; der Körper ist weder gelähmt noch übererregt: Der betreffende Mensch befindet sich im eutonen Zustand. Auferlegt er sich dagegen allzu grosse Kontrolle, so wird er unvermeidbar nicht nur psychisch sondern auch körperlich verkrampft und verspannt (hyperton). 

Auswirkungen von Muskelverspannungen auf die Seinsliebe

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat WILHELM REICH, in konsequenter Verfolgung des FREUDschen Ansatzes, auf die zentrale Bedeutung pathologisierender Muskelverspannungen aufmerksam gemacht. Für ihn waren diese Verspannungen der physiologisch manifeste Ausdruck der Sexualhemmung, resp. der sie verursachenden Angst vor dem natürlichen Ausleben der Sexualenergie.

Nicht nur führt diese Verspannung, die sich im muskulären Charakterpanzer manifestiert, nach REICH zur orgastischen Impotenz. Sie ist auch, in seinen Augen, in direkter oder indirekter Weise für die meisten Neurosen, wenn nicht gar Psychosen verantwortlich.

Die Zusammenhänge zwischen Angst und Körperverspannungen sind gut belegt. Dazu gehören psychosomatische Erkrankungen im Bereich des Bewegungsapparates sowie des Kreislauf- und Verdauungssystems.

Neu ist der Nachweis, wie früh im Leben des Säuglings diese Verspannungsschäden auftreten können. Auf Grund der Tatsache, dass bereits der Fötus im Mutterleib motorisch auf Aussenreize reagiert, muss angenommen werden, dass schon in dieser Frühphase Verspannungen chronisch verankert werden können. Sie stehen vermutlich mit der Bedrohung, die die vorübergehende oder dauernde Aufhebung der Homöostase in der Phase der Seinsliebe durch psychische und phyische Belastungen auslöst, in unmittelbarem Zusammenhang.

Zusätzlich beeinflussen Substanzen wie Alkohol oder Nikotin, die die Mutter zu sich nimmt, den Fötus über den Plazentarkreislauf und können ihrerseits zu frühen Verspannungsschäden führen. Die von WILHELM REICH, in Anlehnung an die FREUDsche Aktualneurose postulierte Sexualstauungsneurose, ist also nur eine relativ spät auftretende muskuläre Reaktion im Zusammenhang mit einer Hemmung der Erregungsliebe

Da der Schock über den Verlust der Homöostase bereits beim Fötus und beim Säugling chronische Verspannungen auslösen kann, hat die schmerzlose Geburt nach LEBOYER für das Kind einen positiven Nebeneffekt: Wenn die Mutter vor und während der Geburt nicht verspannt ist, so verringert sich die Gefahr, dass das Kind bereits früh körperlich oder seelisch geschädigt wird. 

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ZÄRTLICHKEIT ALS GRUNDBEDÜRFNIS UND ALS HEILFAKTOR DER SEINSLIEBE

Wir haben gehört, dass ALFRED ADLER bereits 1908 das Bedürfnis nach Zärtlichkeit formulierte und dass sich diese für das Kind «aus der liebevollen Zuwendung eines Du konkretisiert». 

AUGUST HOHLER hat dem Zustand eines liebevoll-einfühlenden Körperkontakts ein ganzes Buch gewidmet. Für HOHLER geht die Liebe durch die Haut. Für Unberührte herrscht seelische Hungersnot. Gleichzeitig hat HOHLER erkannt, dass dieser liebevoll-einfühlende Körperkontakt subversiv sein kann in dem Sinn, dass ihn der psychische Schmerz und der Zorn als Geschwister begleiten. Und, würde ich hinzufügen, nur allzu häufig auch die Angst: Alle drei sind Folgen des Liebesverlustes.

Als Säuglingsforscherin ist SUSANNE BLOCH den physiologischen Auswirkungen der Zärtlichkeit nachgegangen. Sie hat festgestellt, dass tenderness die einzige Emotion ist, die eine deutliche Verminderung der Herzfrequenz bewirkt gleichzeitig mit einer ausgesprochen ruhigen Bauchatmung, deren lange Expiration von einer Pause gefolgt wird. Therapeutisch empfiehlt sie deshalb Menschen mit Atemstörungen, das Gefühl von Zärtlichkeit zu visualisieren. 

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IM ZUSTAND DER SEINSLIEBE WIRD DIE WELT APERSPEKTIVISCH ERLEBT

Dies entspricht, um mit NAGEL zu sprechen, der «View from nowhere», das heisst, dass «ich» «mich» nicht als Zentrum «meiner Welt» erlebe. Ich erfahre «mich» als das, was «ich» in Wirklichkeit bin, nämlich als einen infinitesimal kleinen Teil des unendlich grossen Universums.

Die Häufung von Anführungszeichen im letzten Satz soll darauf hinweisen, dass in diesem präperspektivischen Zustand kein isoliertes Ich besteht, sondern eine Art transzendenter Seinszustand, wie ich anhand des bereits angeführten Transaktionsanalyse-Schemas aufzeige. Dem Zustand des «Nicht-Ich», das sich als «eins mit dem Ganzen» (mit Gott) erlebt, sind wir bereits im Zusammenhang mit der vierten, der spirituellen Ebene meines Gefühlsmodells begegnet.

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DAS OZEANISCHE GEFÜHL IM ZUSTAND DER SEINSLIEBE 

A . DITTRICH verwendet dieses Wort als erstes Kriterium zur Definierung eines veränderten Bewusstseinszustandes (ASC). 

Wahrscheinlich wurde der Begriff ozeanisch durch ROMAIN ROLLAND, der sich eingehend mit dem bereits erwähnten indischen Mystiker RAMAKRISHNA beschäftigt hat, in den Westen eingeführt. Seine Bekanntschaft mit FREUD führte zur Popularisierung in dessen Schrift «Das Unbehagen in der Kultur».

Der Ozean als Symbol für grenzenloses Einssein, für eine Einheit, in der alle Vielfalt dahinschwindet und Gegensätze verschmelzen, geht nicht nur auf die Upanishaden und die hinduistische Überlieferung zurück, sondern ist auch bei den in der buddhistischen, christlichen und islamischen Tradition stehenden Mystikern eine der bevorzugten Metaphern für sich auflösende Ich-Grenzen. Gerade christliche Mystiker verwenden sie ausgesprochen gern: «Ich lebe im Ozean Gottes wie ein Fisch im Meer…» 

Auch OSHO bezieht sich auf die Metapher des Ozeans:
«Von aussen betrachtet, erscheint der Mensch als sehr kleiner Tautropfen. Wenn du aus dem Inneren deines Seins heraus, von innen schaust, verändert sich die ganze Sichtweise. In dem Moment, in dem du dich in deinem inneren Zentrum befindest und dich von dort aus siehst, ist dir eine grosse Überraschung sicher: du erscheinst dir ozeanisch, so unermesslich weit, wie du dir nur vorstellen kannst, tatsächlich weiter als der ganze äussere Raum, grösser als der Himmel…. Wir sind ozeanisch: weder klein noch gross, einfach unendlich, ohne Anfang, ohne Ende. Das ist unsere Göttlichkeit.»

Für VICTOR TURNER ist Ich-Verlust eine weitere Fluss-Eigenschaft. «Das ‹Selbst›… wird einfach irrelevant – der Handelnde ist im ‹Fluss› untergetaucht,… kein Ich ist vonnöten, das ‹aushandelt›, was getan oder was nicht getan werden soll…. ‹Fluss› ist in sich selbst befriedigend, d. h. man scheint keine äusseren Ziele oder Belohnungen zu benötigen. ‹

Fliessen› heisst so glücklich sein, wie ein Mensch nur sein kann. Die Regeln oder Stimuli, die den ‹Fluss› auslösen – sei es beim Schach oder bei einer Versammlung zum Gebet – sind unwichtig. Trifft das zu, so ist das für die Erforschung menschlichen Verhaltens von grösster Bedeutung, denn es liesse sich folgern, dass Menschen ‹Fluss› freisetzende Situationen kulturell erzeugen oder ‹Fluss› individuell ausserhalb der ihnen zugeschriebenen Lebensstationen suchen werden, wenn diese flussresistent sind.»

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BILDHAFTER, AVERBALER «DENKPROZESS» IM ZUSTAND DER SEINSLIEBE

Im spirituellen Bereich wird im Zusammenhang mit diesem «nicht kognitiven Denken» auch von No-mind (frei vom Verstand) gesprochen. Es gilt das, was – bildhaft gesprochen -, gerade vom Spiegel unseres Bewusstseins reflektiert wird, nicht das, was wir wissen, kognitiv erinnern und auf den Spiegel projizieren.

Viele der östlichen Meditationstechniken (z. B. Zazen, Vipassana u. a.), aber auch meditativ ausgeübte alltägliche Arbeiten, etwa im Zen, im Kloster bezwecken die bewusste Herbeiführung dieses Zustandes. Er entspricht einem tief empfundenen Bei-sich-Sein. 

Versuchen Sie mal, nicht an Affen zu denken…

Diese Sichtweise ist für Menschen, die sich mit den Werten der westlichen Gesellschaft identifizieren, befremdend. Sein Denken abzustellen würde eine so gewaltige Veränderung und gleichzeitig ein solches Identitätsproblem mit sich bringen, dass diese Möglichkeit als bedrohlich empfunden und abgelehnt wird. Bekanntlich reagiert unser Verstand auf die Aufforderung, nicht an etwas Bestimmtes zu denken, mit dem unbändigen Zwang, gerade «daran» denken zu müssen: Versuchen Sie einmal, nicht an Affen zu denken… 

Für den Erwachsenen bedeutet die Regressionsschwelle ein zusätzliches Hindernis. Kindliche Erfahrungsweisen und kindliches Verhalten bezeichnen wir als kindisch, nicht zweckgerichtet und damit als sinnlos. Beim Säugling wird diese – unbewusste – nicht kognitive Art des Erlebens als präkognitives, sensomotorisch geprägtes Bilder- und Affektdenken beschrieben.

Es ist eindrücklich zu sehen, wie Erwachsene, die im Rahmen einer Therapiesitzung in diese frühen Phasen regredieren, meist nur mit Widerwillen wieder daraus auftauchen, um nach passenden Worten (es sind, auch wenn sie zur Orientierung absolut notwendig sind, nie die richtigen!) zu suchen. Liebende verständigen sich in tiefer Verbundenheit wortlos; in der Ekstase machen Worte keinen Sinn. 

Die digitale Sprache dagegen setzt sich aus einer Abfolge von abstrakten Begriffen zusammen und entbehrt jeder körperlichen Sinnenhaftigkeit. Der folgende kurze Absatz vermittelt eine Vorstellung dessen, was damit gemeint ist: 

Im Zusammenhang mit dem primärprozesshaften Denken weise ich auf den bildhaften «Denkprozess» der frühkindlichen Lebensphase hin. Entscheidend ist der unmittelbare Hier-und-Jetzt-Charakter des Prozesses, der nicht logisch-sequentiell, sondern simultan-ganzheitlich abläuft. Dieser averbale Prozess verläuft spontan und kann kaum über den Willen gesteuert werden, anders als das spätere, mittels abstrakter Begriffe (Wörter, Schemata) gelenkte Denken. 

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ZUFRIEDENHEIT IM ZUSTAND DER SEINLIEBE 

Es ist, was ist», diese Formulierung findet sich in meinen Ausführungen zu den Qualitäten der Seinsliebe immer wieder. Die Akzeptanz dessen, was ist führt auch zu einem Gefühl der Zufriedenheit. Da es in der Erfahrungswelt der Seinsliebe keine Zukunft gibt, bestehen keine Wünsche, wir stellen keine Ansprüche. 

Nach buddhistischer Auffassung liegen Wünsche an der Wurzel des menschlichen Leidens. Nur weil wir nie genug bekommen können, dreht sich das Rad der Wiedergeburten und wiederholen sich auch leidvolle Situationen in endloser Folge. Erreichen wir den Zustand wunschloser Gleich-Gültigkeit, sind wir nach der buddhistischen Auffassung erlöst.

Und genau hier treffen sich spirituelle Jenseitssuche und diesseitige Liebeserfahrung:
«Ein zufriedener Mensch ist nichts als Liebe. Er ist nicht einmal liebevoll, er ist einfach Liebe. Er liebt um der Liebe willen, denn auf diese Weise zeigt er seine Dankbarkeit der Existenz gegenüber. Das ist seine Dankbarkeit, sein Gebet; deshalb liebt er alles und jeden.»

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HARMONISCH PULSIERENDE SCHWINGUNGEN: GLÜCKSGEFÜHL ALS AUSDRUCK DER HINGABE IN DER SEINSLIEBE

Pulsationen bestimmen alle Energiemanifestationen des Körpers, insbesondere auch im Bereich der messbaren Atem- und Herzbewegungen sowie der Gehirnaktivität. Je harmonischer diese Pulsationen verlaufen, desto intensiver scheint die Erfahrung des Glücksgefühls bereits beim Säugling zu sein.

Damit diese natürlichen Pulsationen erfahren und empfunden werden können, müssen wir zur Hingabe, zum Loslassen fähig sein. Im Bereich dieser Schwingungen lässt sich der stufenlose Übergang von der Seins- zur Erregungsliebe aufzeigen: Sobald die Grundenergie ansteigt, erhöhen sich Amplitude und Frequenz der Pulsationen.

Dieser fliessende Übergang erklärt, weshalb es häufig zu einer natürlichen Vermischung der beiden Formen der Liebe kommt. Die Erregung des gesamten Organismus wächst und wird auch grobkörperlich und gefühlsmässig sicht- und spürbar. Sie kann, muss sich aber nicht in sexuellen Empfindungen ausdrücken. Diese können bereits beim Säugling auftreten, die Erektion des kleinen Mannes und die damit einhergehende fröhliche Lust ist ein deutlich sichtbares Signal. 

Das Hormon Oxytocin spielt dabei eine wesentliche Rolle; insbesondere als eigentlicher Oxytocinrausch im Erleben der Frau, aber auch des Mannes. Interessant ist, dass die Ausschüttung von Oxytocin von der Hypophyse ins Blut in einem pulsierenden Rhythmus von wenigen Minuten erfolgt. Der Faktor Minuten ( und nicht Sekunden!) könnte eine Erklärung dafür abgeben, weshalb sich das ganze Geschehen in gemächlicher Ruhe abspielt.

Histoanatomisch betrachtet, führen nämlich nicht superschnelle Neuronenabläufe sondern zelluläre Verschiebemechanismen zwischen Stütz- und Ernährungszellen einerseits, und oxytocinausschüttenden Zellneuronen andererseits zu einem rhythmischen Erregungsbild. 

Ein klarer Bruch tritt ein, wenn die Harmonie der Pulsationen in nervöse, unregelmässige, von Gegenimpulsen unterbrochene Aufregungen übergeht. Dann sind, wie das in der sekundären Erregungsliebe sichtbar wird, die Kräfte des Sekundärselbst im Spiel; der Kopf meldet sich. 

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Dr. Kurt Eugen Schneider
Dr. Kurt Eugen Schneider

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